Kurzgeschichten

„Weihnachten auf meine Weise – Ein kiffender Veganer erzählt"

Ein schiefer Weihnachtsbaum, ein Hund auf dem Sofa und der Duft von Cannabis in der Luft – zwischen veganem Braten und leisen Gedanken wird Weihnachten plötzlich zu etwas Ehrlicherem.

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Es war der 24. Dezember, und ich saß in meiner gemütlichen, etwas chaotischen Wohnung, umgeben von Pflanzen, die ich wie meine eigenen Kinder hegte. Der Duft von frisch gemahlenem Cannabis lag in der Luft, und auf dem Tisch vor mir stand ein Teller mit meiner neuesten veganen Kreation – einem selbstgemachten Seitan-Braten mit einer dicken Ladung Bratensauce, die ich stolz aus meiner eigenen Rezeptsammlung gezogen hatte.

Mein Hund, Bärli, schlief friedlich auf dem Sofa, und in der Ecke stand ein kleiner, leicht schief gewachsener Weihnachtsbaum. Er war keiner von diesen perfekten, symmetrischen Bäumen – eher einer, der aussah, als hätte er sich durchs Leben gekämpft. Aber genau deshalb mochte ich ihn.

Ich zündete mir einen Joint an, lehnte mich zurück und ließ den Rauch langsam in die Luft steigen. Die Lichter des Baumes flimmerten leicht, als würden sie atmen.

„Weihnachten…“, murmelte ich.

Ein Wort, das früher voller Stimmen war. Heute war es stiller. Nicht leer – nur… anders.

Ich nahm einen tiefen Zug.

Vegan und high. Das war meine Art, Weihnachten zu feiern.

„Ein Fest des Gebens, des Friedens… und vielleicht einfach des In-Ruhe-Lassens“, dachte ich. „Sich selbst. Und alles andere.“

Ich hatte mich schon immer gefragt, warum viele Menschen Weihnachten mit einem riesigen Braten verbinden. Warum ausgerechnet an einem Fest der Liebe jemand sterben musste.

Als ich meinen ersten veganen Braten gemacht hatte, war ich stolz gewesen. Fast kindlich stolz.

Die Textur, der Geschmack – und dieses leise Gefühl, dass etwas stimmt.

Sogar Lars hatte irgendwann zugegeben:

„Okay… das ist besser als der echte.“

Ich musste grinsen, als ich daran dachte.

Früher war das anders gewesen.

Da war ich der „Komische“.

Der mit seinem Tofu, seinen Fragen, seinem „Warum eigentlich?“

„Was isst du denn an Weihnachten?“

Diese Frage hatte sich immer angefühlt wie ein kleiner Test.

Heute war sie fast verschwunden.

Vegan war angekommen. Supermärkte, Weihnachtsmärkte, Ersatzprodukte – alles da.

Aber für mich war es nie nur das Essen gewesen.

Ich nahm noch einen Zug und spürte, wie sich meine Gedanken weiteten.

Langsamer wurden. Klarer.

Veganismus und Cannabis – für mich gehörten die irgendwie zusammen.

Nicht oberflächlich. Tiefer.

Es ging um Bewusstsein.

Um das, was ich in mich hineinlasse.

Und um das, was ich nicht mehr mittrage.

„Alles ist verbunden“, murmelte ich leise.

„Und vielleicht ist Weihnachten genau der Moment, in dem man entscheidet, niemandem weh zu tun – nicht mal sich selbst.“

Ich ließ den Satz einen Moment im Raum stehen.

Dann griff ich nach meinem Handy.

Ein paar vegane Memes, ein paar dumme Witze. Ich musste leise lachen.

Ja… Humor gehörte auch dazu.

Vielleicht sogar mehr, als die meisten dachten.

In dem Moment stand Bärli auf, trottete zu mir und setzte sich neben mich.

„Du hast es eigentlich am besten verstanden, oder?“ sagte ich und kraulte ihn hinter den Ohren.

„Einfach da sein. Nichts wollen. Niemandem schaden.“

Er wedelte mit dem Schwanz, als hätte er genau zugehört.

Ich lehnte meinen Kopf kurz zurück und schloss die Augen.

Für einen Moment war da ein anderes Weihnachten.

Weiter weg.

Lauter.

Voller Erwartungen.

Und dann war es wieder weg.

Ich öffnete die Augen.

Hier war es ruhiger. Ehrlicher.

Plötzlich klingelte mein Handy. Lars.

Ich grinste.

„Na, du alter Weihnachtsmuffel“, sagte ich, als ich ranging.

„Ey… sag mal, hast du noch was von dem veganen Braten übrig?“

Seine Stimme klang halb genervt, halb hoffnungsvoll.

„Ich halte das hier nicht mehr aus. Riesiger Schweinebraten, alle tun so, als wäre das normal…“

Ich musste kurz lachen.

„Klar, komm vorbei. Ich hab extra mehr gemacht.“

„Du bist der Beste. Bin gleich da.“

Ich legte auf und schaute zum Baum.

Die Lichter flackerten wieder leicht.

Schief, aber standhaft.

„Vielleicht geht’s genau darum“, dachte ich.

„Nicht perfekt zu sein. Nur bewusst.“

Ich drehte den Joint zwischen meinen Fingern.

„Frohe Weihnachten, Welt“, murmelte ich leise.

„Auf deine eigene, komische, schöne Art.“

Bärli bellte einmal, als würde er zustimmen.

Ich stand auf, schob den Braten in den Ofen und blieb einen Moment davor stehen, während sich die Wärme langsam im Raum ausbreitete.

Draußen war es kalt.

Hier drin nicht.

Und irgendwo zwischen Rauch, Pflanzen und diesem schiefen Baum fühlte sich alles… genau richtig an.

„Die Gefühlsmaschine"

Manchmal sitzt du in einer Küche, trinkst billiges Bier und ein Freund zeigt dir eine Maschine, die angeblich Gefühle reparieren kann. Das ist der Moment, in dem du merkst, dass mit den Menschen längst mehr kaputt ist als mit jeder Maschine.

Und dass Computer manchmal ehrlicher antworten als wir selbst.

Die Gefühlsmaschine

Eine Geschichte über kaputte Systeme, zwei Männer, und eine KI, die plötzlich mehr über Menschen weiß als ihnen lieb ist.

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Die Gefühlsmaschine

Der Typ hieß Martin und wohnte in einer Wohnung, die roch wie alter Kaffee, kalter Rauch und Entscheidungen, die irgendwann schiefgelaufen waren.

Er hatte mir geschrieben: „Komm vorbei. Ich habe etwas gebaut." Leute, die so etwas sagen, bauen normalerweise entweder Bomben oder Dinge, die niemand braucht.

Ich ging trotzdem hin.


Martin saß am Küchentisch. Vor ihm stand ein alter Computer, ein zusammengeflicktes Ding mit Kabeln, die aus dem Gehäuse hingen wie Gedärme aus einem aufgeschlitzten Tier. Auf dem Bildschirm stand:

EMOTIONALE SYSTEMKALIBRIERUNG

„Was ist das?", fragte ich.

Martin rieb sich durch den Bart. „Eine KI."

In letzter Zeit hatte jeder eine KI. Die meisten konnten nicht mal ihre Waschmaschine bedienen, aber sie bauten KIs.

„Und was macht sie?"

Martin lehnte sich zurück. „Sie repariert Gefühle."

Ich nahm einen Schluck Bier. „Gefühle sind kaputt?"

„Bei den meisten Menschen schon."


Der Computer summte leise. Martin tippte etwas ein. Der Bildschirm blinkte.

SYSTEMSTART

Ein Fortschrittsbalken kroch über den Monitor. Langsam. So langsam wie ein Montagmorgen mit Kater. Dann erschien eine neue Zeile.

ANALYSEMODUS AKTIV

Martin grinste. „Jetzt beobachtet sie uns."

Ich sah auf den Bildschirm. „Was genau beobachtet sie?"

Martin tippte wieder etwas ein. Der Computer antwortete sofort.

MENSCH 1: ERHÖHTER ZYNISMUS
MENSCH 2: LEICHTE VERZWEIFLUNG

Ich sah Martin an. „Welcher bin ich?"

Er zuckte mit den Schultern. „Schwer zu sagen."

Ich nahm noch einen Schluck Bier. „Und jetzt?"

Martin öffnete ein Menü. Eine Liste erschien:

› Traurigkeit kalibrieren
› Selbstzweifel stabilisieren
› Sinnsimulation starten

„Die Idee ist", sagte Martin, „dass Menschen emotional chaotisch sind. Also analysiert die KI das Ganze und bringt Ordnung rein."

Ich betrachtete die Kabel. Eines war mit Klebeband repariert.

„Und das funktioniert?"

Martin dachte kurz nach. „Manchmal."


Er klickte auf EMOTIONALE OPTIMIERUNG STARTEN. Der Rechner arbeitete. Die Festplatte klickte, der Lüfter heulte auf. Dann erschien eine Meldung:

ANALYSE: MENSCHLICHES SYSTEM INSTABIL

Martin runzelte die Stirn. „Das macht sie immer."

„Vielleicht hat sie recht", sagte ich.

Martin ignorierte mich und öffnete ein weiteres Menü.

› Wut reduzieren
› Bindungsangst neu strukturieren
› Existenzielle Fragen unterdrücken

„Das hier ist mein Lieblingsprogramm", sagte er und klickte auf EXISTENZIELLE RUHE.

Der Computer arbeitete länger. Die Lüfter drehten hoch. Es klang fast so, als würde das Ding wirklich nachdenken. Dann erschien eine Meldung.

FEHLER
URSACHE: MENSCH ZU KOMPLEX

Ich musste lachen. Nicht laut. Nur so, wie man lacht, wenn etwas gleichzeitig traurig und logisch ist.

Martin starrte auf den Bildschirm. „Das kann doch nicht sein."

Die Maschine summte weiter. Dann erschien langsam eine neue Zeile.

VORSCHLAG ZUR SYSTEMSTABILISIERUNG

Wir warteten. Dann kam die Lösung.

MIT ANDEREN MENSCHEN REDEN

Martin sah den Monitor an, als hätte ihm jemand eine philosophische Ohrfeige gegeben.

„Das ist doch lächerlich."

Ich nahm einen Schluck Bier. „Warum?"

„Weil ich extra eine Maschine gebaut habe, damit man das nicht mehr muss."

Der Rechner summte wieder. Eine neue Zeile erschien.

HINWEIS: DIE MASCHINE KANN DEN MENSCH NICHT ERSETZEN

Martin rieb sich die Augen. „Das habe ich da nicht reingeschrieben."

„Vielleicht hat sie es selbst gelernt", sagte ich.

„Das wäre unmöglich."

Ich sah auf den Computer. Der Lüfter drehte sich ruhig.

„Unmöglich ist normalerweise nur ein Wort für Dinge, die schon passiert sind."


Martin öffnete ein neues Bier. Ich öffnete auch eines. Wir saßen eine Weile schweigend da. Der Computer lief weiter. Dann erschien eine letzte Meldung.

SYSTEMSTATUS

MENSCHLICHE EMOTIONEN NICHT REPARIERBAR
ABER VERSTEHBAR

Ich sah Martin an. Martin sah mich an.

Die Maschine summte leise.

*Und zum ersten Mal an diesem Abend hatte ich das Gefühl,

dass sie der Vernünftigste im Raum war.*